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Knappe, aber nicht unerwartete Niederlage

Gegen die Schachspieler von Tus Makkabi hatten wir uns im Vorfeld keine überragenden Chancen ausgerechnet. Zudem erkrankte mit Kai Stephan ein Spieler kurzfristig an Grippe, was wir nicht mehr kompensieren konnten. Ich glaube, in meiner Zeit bei den Schachfreunden war es das zweite Mal, das Kai Stephan nicht mitgespielt hat. Zu Beginn saßen ohnehin recht wenige Spieler an den Brettern, da eine S-Bahn ausgefallen war, was angesichts der recht abseitigen Lage des Spiellokals zu einer 15-minütigen Verspätung führte. Überhaupt das Spiellokal: vorsichtig formuliert könnte man sagen, wer auf Kneipenatmosphäre samt dazugehöriger Musik und Kaffeekränzchen beim Schachspielen steht, war hier genau richtig. Als Sportlerheim war direkt neben dem Spielraum die Theke, nur durch eine recht durchlässige Schiebetür getrennt. Der Abstand zu meinem Brett von etwa drei Metern Luftlinie gab mir die Gelegenheit, allerhand interessante und weniger interessante Informationen über das Leben anderer zu erlangen. Das Café „en passant" ist eine Oase der Ruhe dagegen. Das soll aber nicht davon ablenken, dass sich Makkabi an diesem Sonntag als die bessere Mannschaft erwiesen hat.
Die Einzelergebnisse:
| TuS Makkabi Berlin | SF Berlin 1903 4 | 5,0 : 3,0 | ||
|---|---|---|---|---|
| 102 | Alexei Kropman | 401 | Martin Kunze | ½ : ½ |
| 104 | Dr. Marcos Kiesekamp | 403 | Razvan-Alexandru Sebe-Vodislav | ½ : ½ |
| 105 | Boris Gruzmann | 407 | Daniel Butscher | + : - |
| 106 | Michail Sawlin | 410 | Wolfram Burckhardt | 0 : 1 |
| 107 | Grigori Gorodetski | 413 | Felix Zesch | 0 : 1 |
| 108 | Aleksander Ardermann | 501 | Udo Lechtermann | 1 : 0 |
| 202 | Leonid Sawlin | 502 | Thorben Lindhauer | 1 : 0 |
| 206 | Vitali Kropman | 503 | Mark Müller | 1 : 0 |

Nach schwierigem Start legte Martin Kunze seine Partie betont ruhig an. Dadurch sah er sich mit einem modischen a6-Slawen konfrontiert und musste schon früh selbst nachdenken. Er spielte aber sehr sicher und Schwarz verzichtete aus irgendwelchen Gründen auf den typischen e5-Gegenstoß, während Martin e3-e4 vorbereite, letztlich aber auch nicht spielte. Zu dessen Vorbereitung spiele Martin Sf3-d2, wonach Schwarz aufgrund der Gegenüberstellung von Lg7 und Lb2 laut Fritz Se4xc5 spielen konnte (wenn ich die Notation dieses Mal richtig nachgespielt habe) und auf d4xc5 Lg7xb2 gehabt hätte. Er verzichtete aber auf diese Möglichkeit, tauschte stattdessen den Springer gegen seinen Kompagnon auf d2, wonach auch noch weiteres Material verschwand und die Partie friedlich endete. Nach unglücklichem Start der erste Schritt auf dem Weg zur Konsolidierung.

Razvan Sebe spielte eine total coole Partie. Sein starker Gegner Kiesekamp und er spulten eine langzügige Theorievariante im Drachen herunter, bis Razvan einen laut Theorie minderwertigen Zug spielte und Kiesekamp in dieser Stellung zwar mich, nach eigener Aussage aber nicht Razvan überraschte:

Se6! ist der Zug, warum die Variante als nicht gut für Schwarz gilt. Razvan hatte diesen Zug aber gesehen und als spielbar für sich eingeschätzt. Die ganze Stellung ist dann taktisch ziemlich kompliziert; beide Spieler übersahen in der Folge einige Sachen (es ging weiter mit 16. fe6: 17. Lxc5 dxc5 18. e5 Sxg4 19. fxg4 Lxe5 und hier hätte Sxb5 statt Dxd7 glatt gewonnen). So entstand eine lustige Stellung mit einem riesigen schwarzen Läufer auf d4, gedeckt von Bauern auf c5 und e5. Offenbar im Gewinnstreben gab Kiesekamp dann alle bis auf einen Bauern, was aber trotz Turmverdopplung auf der 7. Reihe zwar nicht einmal zum Dauerschach, geschweige denn Matt reichte, trotzdem aber noch zum Remis gut war. Am Ende musste Schwarz seinen Läufer geben, wonach ein Endspiel mit weißem Turm gegen 4 schwarze Freibauern entstand, von denen aber nur 2 verbunden waren. Dieses Endspiel ist wahrscheinlich Remis und mit nur noch den beiden Königen auf dem Brett einigte man sich dann auch auf dieses Ergebnis. Nach Se6 hatte ich die Partie schon abgeschrieben, da Kiesekamp sich offenbar noch in der Theorie befand und noch nicht einmal 5 Minuten verbraucht hatte gegenüber den mehr als 60 von Razvan. Eine beachtliche Leistung, gegen einen so starken Spieler wie Kiesekamp die Partie noch zum Remis zu führen.

An Brett 4 verteidigte sich Wolfram Burckhardt mit der Lf5-Variante in Caro-Kann. Beide Seiten rochierten lang und Weiß übte mit den Türmen den üblichen Druck auf den Zentrallinien aus, den Wolfram mit c6-c5 konterte. Das Spiel entwickelte sich folgerichtig, ohne dass eine Seite besondere Vorteile erzielte und ging dann aber in eine krasse Zeitnotphase über, in der Weiß einen ganzen Turm einstellte und aufgeben musste.

Felix Zesch machte seinen Gegner ziemlich fertig. Der eröffnete Skandinavisch und baute sich mit Dd8 und g6 auf, wonach er schnell unter starken Druck geriet. Felix machte einfach ordentliche Entwicklungszüge, rochierte lang, während sein Gegner zwanzig Züge lang in der Mitte blieb. Als Felix dann mit The1 seine Entwicklung endgültig abschloss, zeigt der Computer +3 für ihn an. Er droht, das Zentrum zu sprengen, weswegen Schwarz dann doch rochierte. Das beschleunigte das Ende dann nur und nach 25 Zügen war Schluss. Selten habe ich einen 2084er so chancenlos untergehen sehen, was die überzeugende Leistung von Felix unterstreicht.

Udo Lechtermann durfte am 6. Brett wieder Schwarz spielen und zu unser aller Überraschung kam wieder Pirc aufs Brett, den Weiß mit f4 behandelte. Udo hielt mit frühem c5 dagegen, wonach Weiß tauschte und ruhig spielte. Seinen Raumvorteil ließ er sich aber nicht nehmen und Udo sah sich zu einem Gegenschlag im Zentrum mit d5 genötigt, woraufhin Weiß den Bauern e4 durchzog und Sf6-e4 nebst Sc3xe4 folgte. Dieser Bauer war nach dem Damentausch schwach und im Streben nach aktivem Spiel opferte Udo in hochgradiger Zeitnot einen Bauern, für den die Kompensation aber nicht ganz ausreichte. Am Ende übersah er einen Zwischenzug, wodurch er eine Figur verlor und aufgab.

Thorben Lindhauer musste sich eines jungen Gegners erwidern, der scharf mit Alt-Benoni eröffnete. Zwar baute Weiß sich etwas nachlässig auf, behielt aber immer den üblichen Raumvorteil. Schwarz spielte erwartungsgemäß f5, worauf Thorben tauschte und Schwarz das berühmte Bauernpaar e5 und f5 überließ. Schwarz spielte aber sehr früh e4 und nach weißem f4 büßten die Bauern ihre Mobilität ein, während Weiß auf dem geschwächten schwarzen Damenflügel zum Materialgewinn ansetzte. Stattdessen opferte Schwarz etwas optimistisch mit Sxf4 eine Figur für einen Bauern, worauf Thorben zunächst gut reagierte. Dann aber versäumte er es, unter Rückopfer des Turms gegen Figur und Bauern das schwarze Gegenspiel zu neutralisieren und mit 2 Leichtfiguren für den Turm und überlegener Stellung die Partie in einen Bereich mit +5 zu bringen. Aber auch danach hatte er noch entscheidenden Vorteil, agierte dann aber zu vorsichtig auf die schwarzen Drohungen, die sich bei energischem Spiel als illusionär erwiesen hätten. So aber übernahm Schwarz in weißer Zeitnot nach und nach die Initiative und gewann die Partie schließlich im Endspiel mittels eines Freibauerns. Nachdem Thorben sich eine positionell überlegene Stellung erarbeitet hat, reagierte er etwas zu verzagt auf das schwarze Verzweiflungsopfer. Mit etwas mehr Praxis in der zähen Berliner Schachszene wird er solche Partien aber gewinnen.
Ich selbst war mit Schwarz nach e4 c6 2. Sf3 d5 3. exd5 cd5 4. Se5 nach 4 Zügen zugegebermaßen schon aus der Theorie, konnte die Stellung aber ausgeglichen gestalten und mit der langen Rochade bald die Initiative übernehmen. Weiß vergallopierte einen Springer auf g6, dessen Rettung ihn einen Bauern kostete. Statt dann aber positionell im Zentrum weiterzuspielen, wollte ich weiterhin auf Königsangriff spielen und stellte in Zeitnot den Mehrbauern wieder ein. Mein Gegner bot mir dann Remis an, was ich aufgrund meiner mittlerweile schon leicht schlechteren Stellung und vor allem 3 Minuten für 10 Züge annehmen wollte. Ich dachte aber, dass ich angesichts der Mannschaftssituation gewinnen müsse (was sich auch als richtig herausgestellt hat) und glaubte just in dem Moment, als ich trotzdem annehmen wollte, einen Trick zu erspähen. Der Trick führte aber nur zu einem weiteren Bauerngewinn für meinen Gegner, den er dann souverän verwertete.
Im neuen Jahr geht es dann weiter gegen Kreuzberg. Bis dahin wünsche ich allen ein frohes Fest und einen guten Rutsch und natürlich schachlich viel Erfolg im neuen Jahr.
Autor: mm -- 8.4.2010 1:58:11
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