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Zurück in die 1. Liga

Der Wettkampf um den Aufstieg mit Kreuzberg II sollte spannend werden, das war schon länger klar. Was an diesem Sonntag folgte, war an Spannung und Dramatik kaum zu überbieten / Von Rainer Polzin


SF Berlin 5½-2½ Kreuzberg II Miezis 1 : 0 Lagunow Polzin ½ : ½ Figura Berndt ½ : ½ Richter Thiede 1 : 0 Schlemermeyer Degtiarew 0 : 1 Glienke Poldauf ½ : ½ Dyballa Rudolf 1 : 0 Mattick Thinius 1 : 0 Holzapfel Vor der Begegnung hatten Igor Nataf (Trainer von Radschabow beim Fide-Welt-Cup in Baku), Stellan Brynell (anderweitige Turnierverpflichtung) und Dennes Abel (Abitur-Klausuren in der Woche vor und nach der Runde) abgesagt. Martin Borriss stand wegen beruflicher Verpflichtungen in den USA ohnehin die ganze Saison nicht zur Verfügung. Elo-Favorit waren wir gegen Kreuzberg II dennoch, konnten aber eben nicht in Bestbesetzung antreten. Was an diesem Sonntag folgte, war an Spannung und Dramatik kaum zu überbieten: Acht interessante Partien, die erste Partie endete erst unmittelbar vor der Zeitkontrolle, jede Menge vergebener Chancen, zwei Zeitüberschreitungen und eine vermeintliche Zeitüberschreitung. Zu den einzelnen Partien: Brett 1: Lagunow (SC Kreuzberg II) - Miezis (SF Berlin 1903) 0-1 Nach der Eröffnung hatte ich den Eindruck, dass Lagunow – neben Richter und Schlemermeyer einer von drei Ex-Neuköllnern auf Seiten des SC Kreuzberg – einigen Vorteil haben musste. In der abendlichen Analyse ließen wir uns aber vom Gegenteil überzeugen. Der weitere Partieverlauf war ohnehin recht deutlich. Der fianchettierte weiße Springer auf g2 machte keinen glücklichen Eindruck, und spätestens, als Schwarz mit f5 und g5 stürmte, war ich mir sicher, dass hier ein ganzer Punkt kommt. Eine überzeugende Leistung unseres lettischen Spitzenbrettes. Brett 2: Polzin (SF Berlin 1903) - Figura (SC Kreuzberg II) 0,5-0,5 Attila ist gewiss ein großes Schachtalent, doch hat er sich einen Stil angeeignet, der ihn in seiner Entwicklung bremsen könnte: Insbesondere mit Schwarz hat er das eine oder andere eher zweifelhafte Eröffnungssystem im Repertoire. Anscheinend darauf hoffend, dass sein Gegner das System auch nicht so recht kennt und sich die Chance für zweischneidige Stellungen eröffnet. Hier sieht man allzu deutlich die Handschrift seines Trainers Kalinitschew. Aljechin stand zur Debatte, ohne dass er gewusst hätte, was so genau in der Eröffnung passiert. Mein Fehler war, dass ich nicht im 18. Zug die Damen getauscht habe. Nach 18… hxg5 19.Td1 hätte Weiß großen Druck im Zentrum und am Damenflügel – zumal Figura ohne Chance auf Gegenspiel gewesen wäre. Das war mir in der Partie auch bewusst, ich dachte aber mit 18.f4 die Partie noch schneller entscheiden zu können. Ein Trugschluss, zumal sich Figura dann sehr gut verteidigte. Mit 27.Dc3 nebst Dxc5 bot sich im weiteren Verlauf nur noch eine gute Chance für mich, die ich verstreichen ließ. Brett 3: Richter (SC Kreuzberg II) - Berndt (SF Berlin 1903) 0,5-0,5 Ein verschenkter halber Punkt! Richter war mit leichtem Druck aus der Eröffnung gekommen, dann verflog aber seine Initiative am Königsflügel. Übrig blieb eine ruinöse Bauernstruktur und eine weiße Dame, die kein sicheres Plätzchen mehr fand. So um den 30. Zug stand Schwarz klar auf Gewinn. Allerdings passierte dann etwas, was man von Stephan Berndt eigentlich gar nicht kennt: Anstatt den weißen König matt zu peitschen, spielte er eher ruhig weiter und tauschte die Damen. Und vergab dabei die glatte Gewinnstellung zum Remis. Brett 4: Thiede (SF Berlin 1903) - Schlemermeyer (SC Kreuzberg II) 1-0 Eine hart umkämpfte Partie. Die Eröffnung verlief ausgeglichen, dann wollte Lars Thiede „viel“, was der Kreuzberger für einen leichten Vorteil hätte ausnutzen können. Schlemermeyer ließ aber 20… Lxh4 aus und die Initiative ging auf Weiß über. Allerdings kostete das jede Menge Zeit, so dass Thiede sich bereits vor dem 30. Zug in Zeitnot befand – ungewöhnlich, denn er ist eigentlich als Schnellspieler bekannt. Eine wilde Blitzphase – nach 33 Zügen hatte Thiede noch ungefähr zehn Sekunden auf der Uhr, bei Schlemermeyer sah es besser, aber nicht viel besser aus – führte später zu heftigen Diskussionen: In der kritischen Phase spielten beide Spieler Blitz. Ohne nachzudenken wurden die Züge im Sekundentakt ausgeführt. Die Phase ab dem 33. Zug bis zum Blättchenfall dauerte allenfalls 30 Sekunden. Der Schiedsrichter Martin Sebastian stand neben dem Brett. Auf Reklamation von Schlemermeyer stoppte er die Uhr, da bei Weiß die Platte gefallen war. Die Rekonstruktion außerhalb des Saales ergab, dass 41 Züge geschehen waren. Die Partie wurde wieder aufgenommen. Während Thiede an seinem nächsten Zug überlegte, begannen plötzlich Diskussionen. Zuschauer, auch vermeintlich neutrale, wollten gesehen haben, dass die Platte von Thiede schon „einige Züge“ vorher gefallen war. Dies ist gewiss übertrieben. Ich stand etwa ab dem 33. Zug im abgesperrten Innenraum rechts neben dem Brett und meine, dass erst mit Ausführung von 41.gxh4 die Platte gefallen war, will aber auch nicht gänzlich ausschließen, dass es schon bei 40. h4 war. Jedenfalls aber nicht vorher. Die Schachregeln legen fest, dass der Schiedsrichter und der Spieler Zeitüberschreitung reklamieren können. Nicht die Zuschauer, und erst recht nicht diese im Nachhinein. Das Ergebnis ist also klar: Kein Partieverlust durch Zeitüberschreitung. Soweit so gut. Solche Diskussionen gehören zum Sport. Unverständlich war das, was folgte: Die Kreuzberger protestierten und lamentierten, später ließen sich Kreuzberger zu der Äußerung hinreißen, dass der Schiedsrichter die Zeitüberschreitung ja sogar gesehen habe und absichtlich nicht eingeschritten sei. Eine weitere Stunde später, nachdem Schlemermeyers Zeit abgelaufen war – er führte wegen des Protests seiner Mannschaftsleiterin keinen Zug mehr aus – hieß es schließlich, dass auch Lars Thiede (der wie gesagt seit mehr als 10 Zügen in Zeitnot war und gewiss keine Zeit hatte ein Blick auf die Uhr zu riskieren) es gesehen haben soll. Völlig lebensfremd und klar daneben. Von Schlemermeyer selbst waren solche Töne nicht zu hören. So etwas nennt man wohl Legendenbildung: zunächst sehen lediglich ein paar Zuschauer etwas, dann wird der Schiri ins Spiel gebracht, schließlich sollen es inklusive Thiede alle im Saal mit Ausnahme von Wilhelm bemerkt haben. Brett 5: Glienke (SC Kreuzberg II) - Degtiarew (SF Berlin 1903) 1-0 Der einzige Sieg für Kreuzberg. Degtiarew hatte bis kurz vor der 1. Zeitkontrolle leichten Vorteil, spielte dann aber schwach und stand nach dem 40. Zug minimal schlechter, auch wenn die Stellung unverlierbar war. Leider brachte er sich ein weiteres Mal in Zeitnot und dort passierte ihm – in immer noch remisverdächtiger Stellung – mit 69… Te7 ein letztes Malheur. Eine ärgerliche, wenn auch letztlich unbedeutende Niederlage zum Endstand von 5,5 zu 2,5. Brett 6: Poldauf (SF Berlin 1903) - Dyballa (SC Kreuzberg II) 0,5-0,5 Auch dieses Ergebnis war nicht befriedigend. Poldauf hatte eine schöne Stellung aufgebaut und befand sich deutlich im Vorteil, der sich dann aber verflüchtigte. Auch hier herrschte Zeitnot. Erst machte Schwarz einen schwachen 40. Zug. Dann führte Poldi – obwohl er mitgeschrieben hatte – noch einen Sicherheitszug aus, der prompt die Gewinn- zu einer Remisstellung verdarb. Brett 7: Mattick (SC Kreuzberg II) - Rudolf (SF Berlin 1903) 0-1 Mattick überraschte mit einem Lg5-Königsinder, den er bisher nicht im Repertoire hatte. Die Eröffnung bereitete mir einiges Kopfzerbrechen. 13…Sxe4 ist zwar eine Standardidee, aber 15.h4 wirft einige Fragen auf. Kaum hatte ich diesen Gedanken, schon stand der Zug schon auf dem Brett. Hätte Weiß richtig mit 17.Dd2 (Miezis) fortgesetzt, wäre es eng für Rudi geworden. Die einzige Partie, bei der es im Mittelspiel ernsthaft drohte, dass wir überspielt werden. Nach und nach kam Schwarz wieder heraus und stand vor der Zeitnotphase glatt auf Gewinn. Er sah jedoch Gespenster und die Stellung wurde ausgeglichen. Dann passierte das Unglaubliche: Weiß überschritt die Zeit. Drei Sekunden waren für den 40. Zug offenbar zu wenig. Mattick glaubte, die 40 Züge bereits zu haben und überlegte, ob er hier auf Gewinn oder auf Remis spielen sollte. Dass das Damenendspiel nicht zu verlieren war, sei ihm durchaus klar gewesen, erklärte er später. Brett 8: Thinius (SF Berlin 1903) - Holzapfel (SC Kreuzberg II) 1-0 Marco Thinius hatte aus der Eröffnung heraus soliden Vorteil. Nach meinem Eindruck konnte er diesen immer weiter verdichten bis die Zeitnotphase kam. Er ließ den Tausch seines Läuferpaars zu, danach war die Stellung nahezu ausgeglichen. Aber auch hier spielten den Kreuzbergern die Nerven einen Streich: Zeitüberschreitung im 40. Zug. Auch hier ein Irrtum Holzapfels, der glaubte, die 40 bereits zu haben. Ein meines Erachtens verdienter 5,5-2,5-Erfolg. Wenn die Schachfreunde nicht reihenweise Chancen ausgelassen hätten, wäre es noch deutlicher geworden. Nicht nachvollziehbar der Bericht auf der Internetseite des SC Kreuzberg: „Schlecht standen wir eigentlich an keinem Brett“. Die Mannschaftsführerin Brigitte Große-Honebrink kann vor Abfassung ihres Berichts kaum mit einem ihrer Spieler gesprochen haben. Nachdem die Tegeler gegen nur sechs Lübecker lediglich 5 zu 3 gewannen, stand der Wiederaufstieg der Schachfreunde Berlin in die 1. Schach-Bundesliga fest. Wir werden uns zur nächsten Bundesliga-Saison verstärken und mit einem größeren Kader als bisher antreten. Der Spielerengpass am letzten Spieltag (in den beiden Runden zuvor war es gewiss nicht besser) hat gezeigt, dass wir mit einer größeren Anzahl von Spielern planen müssen. Ziel ist der Klassenerhalt. Ob dies realistisch ist, wird sich zeigen, wenn klar ist, wer überhaupt nächstes Jahr spielt. Heute liegen erst vierzehn Meldungen vor. Es ist nicht klar, wer den Absteiger Bindlach ersetzt, denn Godesberg und auch Zehlendorf haben schon abgewunken. Vielleicht wird Erfurt spielen, selbst bei Kreuzberg ist offen, ob sie antreten würden. Weiterhin ist nicht klar, ob der Westaufsteiger Emsdetten sein Startrecht wahrnimmt – es gibt nur eine neunzigprozentige Zusage. Bochum als Zweiter will nicht, der Dritte Porz (!) soll aber schon Interesse bekundet haben … Rainer Polzin 1. SF Berlin 13 40 2. SK König Tegel 13 38½ 3. Kreuzberg II 12 35 4. Lübecker SV 7 32 5. Hamburger SK II 7 30½ 6. Tempo Göttingen 6 30 7. SK Norderstedt 6 30 8. SV Werder Bremen II 4 28 9. Preetzer TSV 4 24 Download: sfr-sckII Die Partien zum Nachspielen

Autor: off -- 10.8.2008 16:05:34


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